Nachfolgend dokumentieren wir die Rede von Eugen Drewermann auf der „Macht Frieden!“-Demonstration vom 14. Februar 2026. Dabei wurden zur besseren Lesbarkeit ein paar kleinere Anpassungen vorgenommen, ohne den Inhalt zu verfälschen. An zwei Stellen sahen wir einen offensichtlichen Versprecher und haben ein Wort geändert bzw. markiert (siehe Kommentar am Ende). Es zählt das gesprochene Wort. Das Video zum Nachhören der Rede ist am Ende des Textes eingebunden.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, darf ich sagen, liebe Freundinnen und Freunde des Friedens? 

So darf ich Sie nicht nur anreden, so muss ich Sie anreden, denn schon dass Sie hier sind, zeigt, dass Sie sich mit Mut der Verleumdung entgegensetzen, wir wären Putinversteher und folgten dem russischen Narrativ. All die Redensarten, die mich vor 70 Jahren begleitet haben bei der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik West unter Adenauer. Da waren wir nützliche Idioten Moskaus, die fünfte Kolonne Stalins. Dieselbe Rederei heute wieder. Wer für den Frieden wäre, ist ein Verräter an der Freiheit. 

Ich bin heute hier, um denen von der Friedenskonferenz zu sagen: Was sie als Sicherheit bezeichnet, macht die gesamte Welt unsicher und trägt in keiner Weise dazu bei, den Frieden zu fördern. Im letzten Jahr konnte Exkanzler Scholz sich als ein Philosoph geben, in dem er zum Jubiläum von Immanuel Kant redete. Herr Scholz hat vergessen, die wichtigste Arbeit von der größten Gestalt der deutschen Philosophiegeschichte beim Wort zu nehmen, die ihn hätte betreffen können. 1795 – Gedanken vom ewigen Frieden. In Kurzform: Wenn ein Staat aufrüstet, wird der Nachbarstaat Angst haben und er wird ebenfalls rüsten. Und beide geben einander das Gesetz des Handelns immer weiter voran. Am Ende haben wir mehr Waffen als Brot. Dann muss der Krieg sein, damit man die vorgeschossenen Investitionen für die Kriegsbereitschaft zurückfordern kann als Sieger auf dem Schlachtfeld. 

Auf diese Art kommt niemals Frieden, aber die ewige Gegenwart des Kriegs. Und genau das wird bei dieser Sicherheitskonferenz vorbereitet, durchdiskutiert und immer, immer weitergeführt. Das war 2007. Da konnte Putin hier in München erklären, er stünde dabei, die Wiederbelebung des Kalten Kriegs miterleben zu müssen. Damals konnte die BILD-Zeitung sagen: „Putin: Kalter Krieg“. Als hätte er den gewollt. Der Ischinger konnte gestern Herrn Merz fragen, warum reden denn die Europäer nicht selber mit den Russen, statt dauernd die Amerikaner damit sprechen zu lassen? Die Antwort von Herrn Merz: Weil Russland militärisch und wirtschaftlich noch nicht erschöpft ist. 

Das ist eine Außenpolitik, wie Frau Baerbock sie uns beigebracht hat. Russland muss ruiniert werden. Darauf können wir lange warten. Und das setzt einen Krieg voraus mit weiteren Hunderttausenden von Toten. Herr Merz, so macht man keine Politik für den Frieden. Und Ihr Dauergerede, Frieden kommt durch Stärke, ist genau das Gegenteil des Wegs, der zum Frieden führt. Mahatma Gandhi konnte das sagen. Es gibt zum Frieden keinen Weg außer dem Frieden selber. Und wer nicht damit anfängt, kann nicht bei ihm ankommen. Das ist ganz im Geiste dessen, auch was Sie im Neuen Testament lesen in den Tagen vor Ostern. Leistet dem Bösen keinen Widerstand. Oder bei Paulus im Römerbrief: Überwindet das Böse durch das Gute. Aber nicht durch die ständige Verschlimmerung im Kampfmodus, dagegen anzugehen. Ausrotten, vernichten, niederkämpfen, niederringen und zwingen, auf dem Schlachtfeld siegreich sein – das führt nicht zum Frieden. Das verewigt den Krieg. 

Jetzt sind wir dabei, dass Herr Merz ankündigt, mit Macron reden zu wollen, auch über die atomare Leistungsfähigkeit Europas. Auch das kenne ich seit 1956. Bei der Wiedereinführung der Bundeswehr in der Bundesrepublik West. Franz Josef Strauß wollte damals bereits die Teilhabe an Atombomben. Ich war damals ganze 16 Jahre. Aber den CDU Abgeordneten konnte ich sagen, auf diese Weise macht ihr die Welt nicht sicherer, sondern ihr macht die ganze Erde unsicher. Mit Atombomben kann man erreichen, dass man in einen Kreislauf der Abschreckung gerät. Und das sollte dann der Frieden werden. Ein Gleichgewicht des Schreckens. 

Denken Sie einen Moment mal daran, was eine Atombombe ist. Herr Merz, nehmen Sie sich zur Kenntnis, 6. August 1945, 9. August 1945. Zweimal 100.000 Menschen werden getötet, in wenigen Sekunden auf den Befehl von Harry Truman. Anschließend erklärt man, das sei notwendig gewesen, um wichtige militärische Anlagen zu zerstören. Das alles wurde gemacht, um den Sowjets zu zeigen, wer Herr im Pazifik ist in Ablösung des Kolonialregimes der Japaner. Eine Machtdemonstration. 200.000 Tote. Aber das war nicht genug. Man schickte Kamerateams in die Städte, um zu zeigen, wie die Wirkung ist durch eine Bombe. 

Aber eine Atombombe hat physikalisch ihre Grenze. Nur eine bestimmte Menge entzündet sich durch die Neutronenabstrahlung nicht von alleine. Es hat keine sieben Jahre gedauert, da brachten die Amerikaner das Tausendfache von Hiroshima in Form einer Wasserstoffbombe. Die Energie der Sonne auf die Erde geholt. Die Verschmelzung von Wasserstoff zu Helium, den Massenausfall, der dadurch zustande kommt, verstrahlt in reiner Energie zusammengeformt zu einer Bombe. 1000 mal 100.000 Tote. Wenn wir das können, sind wir eine Großmacht. Dann können wir die ganze Welt einschüchtern. Dann sind wir Amerika First. So wie wir es heute wieder haben. 

Herr Merz, wollen Sie diesen Wahnsinn in die Gegenwart zurückholen? Statt den ganzen Kram von Atombomben, von Massenvernichtungswaffen, von tausendmal 100.000 Toten nicht endlich abzuschaffen als die Widerlegung von allem, was eine vernünftige Politik sein müsste. Hören Sie damit auf, statt es weiter zu führen. 

Was bedeutet es, unter diesen Umständen das Gleichgewicht des Schreckens wieder neu herzustellen, Russland zur Erschöpfung zu treiben? Putin hat noch 2021 im Dezember ausführlich erklärt, wie man den Krieg in der Ukraine vermeiden könnte. Ganz simple Bedingungen. Die Ukraine wird nicht Teil der NATO werden. Die russischsprachigen Gebiete – die Krim, der Donbass, Lugansk – haben eine relative Selbstbestimmung gegenüber der Zentralregierung in Kiew. Feierabend. Das waren die Bedingungen, einen Krieg zu vermeiden. Wer das nicht wollte, waren die Amerikaner. Der Beweis: Kaum war der Krieg fünf Wochen alt, lagen in Istanbul Verträge unterschriftsfertig zwischen Russen und Ukrainern. Der Krieg hätte zu Ende sein können. Dannschieckte (Anm.: schwer verständlich) aber Herr Biden Boris Johnson von Großbritannien nach Kiew, um Zelensky zu sagen, er muss den Krieg weiterführen. Er wird alles bekommen: Geld, Waffen, Aufklärung, politische Unterstützung – alles, was er braucht zur Kriegführung. Im Dezember 22 tauchte Zelensky auf in Washington und meldete stolz 100.000 Russen haben wir bereits getötet. Herr Zelensky, wer stolz auf den Massenmord von Russen ist oder umgekehrt als Russe stolz auf den Massenmord von Ukrainern, löst sich davon, weiter noch menschlich zu fühlen, weiter noch zu begreifen, dass auf diese Weise keine Sicherheit mehr möglich ist. 

Sagen wir es ganz simpel. Wir haben gelernt: Freiheit ist stets die Freiheit des anderen. Dieser Sicherheitskonferenz müssen wir sagen: Die Sicherheit ist immer die Sicherheit des vermeintlichen Feindes. Und der Weg zum Frieden führt durch Abrüstung und niemals durch Aufrüstung und ständige Eskalation der Vernichtungspotentiale.

Übrigens ist dies genau das die Meinung von Papst Franziskus. Wer glaubt, dass aus einem Krieg jemals etwas Gutes entsteht, muss verrückt sein, schreibt er in dem Buch „Hoffnung“. Das zu begreifen, wäre unsere Hoffnung, wenn die Politiker damit übereinstimmten. Aber haben Sie in München auch nur einen Bischof gehört, der dem Papst zugestimmt hätte? Inzwischen sind auch die Kirchen dabei, die Lehre vom gerechten Krieg wieder einzuführen… Und wir können kaum anders sagen als der Angriffskrieg Moskaus… Putin hat alles versucht, den Krieg zu vermeiden. Wie er zustande kam, können Sie an der Gelegenheit feststellen, die 1989 aus den Händen eines Russen zum Dritten Mal angeboten wurde: Abrüstung vom Ural bis zum Atlantik. Ein Ende der riesigen Summen, die wir verschwenden, nur für Aufrüstung und Mordgeräte. Wir hätten 1989 den Frieden haben können. Wir verdanken Gorbatschow die sogenannte Wiedervereinigung Deutschlands. Das alles war zum Greifen nahe. Damals versprach Baker als Außenminister Gorbatschow, dass die NATO, wenn sie denn weiter bestehen sollte – man wüsste nicht wofür – sich keinen Zentimeter nach Osten weiter ausdehnen würde. Genscher, Außenminister, debattierte damals, ob die neuen Bundesländer, die alte DDR, militärisch genutzt werden könnte. Nein, war die Auskunft. Und dann sehen Sie, wir haben 1991 Amerika kein anderes Ziel mehr verfolgt, als Sieger im Kalten Krieg zu sein und unipolar als die einzige noch bestehende Weltmacht alles zu machen, um Sowjetrussland in den Resten, die davon geblieben sind, möglichst klein zu halten. Schlag auf Schlag Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz erklären: Wir haben ein einziges Ziel für ein 21. amerikanisches Jahrhundert, dass kein Staat mehr uns konkurrieren kann. Russland als erstes, China als zweites und danach nur noch wir selber. Brzezinski, 1957 – die einzig verbliebene Weltmacht. Das ist die Politik. Statt Frieden, den man hätte haben können, Siegeshymnen zur Beherrschung der Welt. Dahinter steht nicht nur Machtgier. Dahinter steht vor allem eine Wirtschaft, die gar nicht anders kann, als Krieg herbeizurufen. Schon Simone Weil konnte sagen, was wir Wirtschaft nennen, ist ein Konkurrenzkrieg des einen gegen den anderen. Der Kapitalismus selber ist Krieg und kann nur enden im großen Krieg für Rohstoffe, Arbeitsplätze, Handelswege. All das gehört zusammen, weil der Kapitalismus wachsen muss, sonst kann er nicht bestehen. So wie wenn Sie auf einem Fahrrad sitzen und nur wenn Sie in die Pedale treten, ins Gleichgewicht gelangen. 

Egon Bahr, einer der letzten vernünftigen Außenminister, die wir hatten in Deutschland, konnte einmal Schulkindern sagen: Wenn die kommen und erklären euch, wir sollen Krieg führen für bestimmte Werte – die Freiheit, die Demokratie, die Frauenrechte, die Kleidung in Afghanistan – glaubt das alles nicht. Es geht um politische Interessen und die sind Macht und Geld und Geltung.

Alles, alles andere ist eine Lüge. Aber nun müssen wir genauer sagen: Wir brauchen keine Politiker, die als Blackrock-Agenten genau das betreiben. Eine starke Wirtschaft im Wesentlichen durch Aufrüstung. Immanuel Kant hat völlig recht. Wir haben Geld für alles und überall fehlt es, weil es für das Militär nötig sein soll. Seit der Zeitenwende 500 Milliarden nur für Rüstung. Wir bräuchten in den Kitas mindestens 200.000 Kräfte allein in Nordrhein-Westfalen von woher ich komme. Man muss mehr arbeiten. Aber die Frauen, die arbeiten, bräuchten ihre Kinder in den Kitas. Und das geht nicht, weil wir keine Leute haben. Wir bräuchten Leute in der Altenpflege, in der Krankenpflege, für Sozialarbeiten. Für all das haben wir kein Geld, weil wir Soldaten brauchen, aus einem Sondervermögen genannt eine Schuldensumme, die kaum rückzahlbar ist. Und so geht das Schritt für Schritt. Der Sozialstaat muss finanzierbar werden, indem wir ihn abbauen und umbauen zu Militarismus. Die führende Macht in Europa – das will Herr Merz aus Deutschland machen. Man sollte sich schämen, wenn man sich einbildet, groß zu sein durch Militär und Tötungskapazität.

Denn das ist der zweite wichtige Punkt. Was macht es denn mit den Menschen, mit denen man Kriegsertüchtigung betreiben will? Herr Pistorius, Sie waren mal Bürgermeister in Osnabrück. Sie hatten Gelegenheit, Touristen durch das Museum von Erich Maria Remarque zu führen. Im Westen nichts Neues. Zwölf Jahre nach dem Ende des sogenannten Ersten Weltkriegs geschrieben, aus der Perspektive eines jungen Schülers Bäumler, der von der Schule an die Front versetzt wird und dann erleben muss, was Krieg bedeutet. In seinem Granattrichter neben ihm liegt ein Franzose, der mit dem Bajonett im Unterleib zum Tode verurteilt ist. Und er sieht, wie er langsam sich verröchelt. Er, der Deutsche, bekommt Schuldgefühle für den Mord an einem Franzosen, geht in die Pfütze, um seine trockenen Lippen zu berühren, lernt von ihm, dass er früher mal Setzer war, von Beruf und wie seine Kinder heißen und seine Frau. Das endet bei Erich Maria Remarque damit: Wenn ich aus diesem Krieg nach Hause komme, werde ich Setzer werden. So ist das, wenn Sie sehen, was Sie einem anderen Menschen zufügen, den Sie in den Tod schicken als Soldat. 

Deshalb behaupte ich, eine der größten Lügen, die wir dabei sind, auch gerade wieder neu zu akzeptieren, ist die Lehre, Soldaten seien Bürger in Uniform. Ich behaupte, Sie sind schizophren, indem Sie Bürger bleiben möchten, aber auf jeden Kasernenhof der Welt das genaue Gegenteil beigebracht bekommen sollen. Unter Drill, Gehorsam, Strammstehen in Uniform. 

Den Bürgern sagen wir: Was gilt im zivilen Bereich? Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht rauben. Was bringen wir 17- und 18-jährigen Jungen und Mädchen auf den Kasernenhöfen bei? Du musst töten. Das ist eine vaterländische Pflicht. Und zwar zielgenau, effizient. So viel wie möglich musst du töten lernen. Hier ist das Gewehr. Probiere. Genau. Schieß durch. Du musst lügen. Das nennen wir Militärstrategie. Du musst rauben, denn dafür führen wir ja Krieg. Alles, was wir erobern, gehört anschließend uns. Gewalt in jeder Form. Und vor allem: Du darfst bei dem, was wir dich lehren, keine Schuldgefühle mehr bekommen. Was war 1945 nach dem Bombenabwurf auf Hiroshima? Als Kind hat man mir gesagt, die Leute, die das gemacht haben, haben nur drei Möglichkeiten. Sie sind ins Kloster gegangen, um ihre Untat zu bereuen. Sie sind in die Psychiatrie gekommen und dabei verrückt geworden. Oder sie haben Selbstmord begangen. Was niemand gesagt hat, ist die Wirklichkeit nach einer Militärerziehung auf dem Kasernenhof. Alljährlich unter den Flügeln der Enola Gay feiern sich die Bomber-Kommandos über Hiroshima und Nagasaki als National Heros. Sie sind großartig. Sie haben es geschafft. Sie haben getan, was sie sollten. Im deutschen Fernsehen gab es mit Günther Jauch 1995 in Erinnerung 50 Jahre nach Nagasaki ein Gespräch mit Major Sweeney, dem Bomber-Kommandanten des zweiten Bombenabwurfs. Jauch fragte sinngemäß, was er sich gedacht hat dabei. Er war damals noch keine 30 Jahre und hat mit eigener Hand mehr Menschen ermordet als parallel zu ihm, Tschingis Khan oder wer auch immer  – als jede andere. Die Antwort war typisch und sie zeigt die Unmenschlichkeit der gesamten militärischen Drill-Erziehung. Was soll die Frage? Ich zitiere wörtlich: Befehl ist Befehl. Jeder Soldat der Welt hätte dasselbe getan. Schlimmer kann man das, was es heißt, Soldat zu werden, nicht auf einen Begriff bringen. Befehl ist Befehl. Genauso wird erzogen. 

Nehmen Sie den Film Full Metal Jacket und hören sich an, wie da die Special Forces der US Army erzogen werden, indem man sie für ein Stück Dreck erklärt, wenn sie kommen und ihnen beibringen, sie haben ihre Wiederauferstehung zur Ehre der Menschlichkeit in der Uniform der US Army. Und wenn ich euch jetzt sage, ihr geht auf diesen Hügel und ihr bringt sie alle um, ihr Scheißkerle, dann werdet ihr das tun. Habt ihr das verstanden? Ich höre nichts. Lauter! Yes, Sir. Ich höre nichts. Yes, Sir. Die ganze militärische Erziehung läuft darauf hinaus, Menschen in Uniform zu kleiden. Sie sind keine Personen mehr. Sie haben kein persönliches Gewissen mehr. Angetreten in einer Reihe, Linksschwenk, Marsch. Auf Kommando wird der Körper entseelt, zu einer Marionette der befehlsausgebenden Instanzen und jeder Eigenverantwortung entzogen.

Nicht weit von hier in Nürnberg hatten wir 47 den Kriegsverbrecherprozess. Und damals fragten die Amerikaner die Nazigranden, was sie sich gedacht haben bei einem Krieg mit mehr als 50 Millionen Toten im Ganzen. Und alle ihre Antworten waren: Wir haben nur getan, was uns befohlen wurde. Damals konnten die Amerikaner sagen: Das ist doch euer wirkliches Verbrechen. Ihr glaubtet, ins Walhall der Geschichte einzutreten, indem ihr euch als Personen aufkündigt und nur noch das seid, was ihr machen sollt. Ihr habt kein Gewissen mehr, keine Verantwortung mehr, nur noch für die exakte Mordbefehlausführung, die man euch antrainiert hat. Ihr habt aufgehört, Menschen zu sein. Das ist euer wirkliches Verbrechen. Alle anderen sind daraus gefolgt. 

Hätten die Amerikaner diese Einsicht nicht nur den Deutschen gegönnt, sondern sich selber, würde die Welt heute anders aussehen. Dann aber müssten wir denken wie Albert Einstein schon um 1920. Solange wir jede Generation, 18-Jährige, auf dem Kasernenhof zurückbringen in die Steinzeit, indem wir sie das Morden lehren – auf Staatsbefehl – kann es ein Fortschritt der Kultur nicht geben, sondern immer nur ein Rauf und Runter in dem Teufelskreis. „Ich habe Angst vor dem anderen. Ich mache ihm noch mehr Angst und ich habe die Mittel, den anderen umzubringen.“ So kommt man nicht zum Frieden. So kommt man nicht zu sich selber. So verrät man die Menschlichkeit. 

Eines ist dabei sehr wichtig. Ich weiß, dass viele von ihnen daran zweifeln, ob wir überhaupt Gehör finden. Wer will schon eine Welt haben, in der Gefühle Mitleid, Empathie, Rücksichtnahme, verstehen, miteinander reden, in Verständnis zueinander irgendeine Chance hätten. Bei der Wieder-Remilitarisierung der gesamten Außenpolitik, des Starkwerdens in der Innenpolitik, beim Training der gesamten Jugend. Kriegsbereit müsst ihr wieder töten lernen. Ich habe es von meinem Vater. Der hatte sich 1914 von der Schule für die kaiserliche Armee im Ersten Weltkrieg gemeldet, lief zu Fuß bis Baranowitschi und später hat er mir erzählt: Ab 17:00 Uhr nachmittags, wenn die Artillerieduelle zu Ende waren, herrschte Ruhe in den deutschen Schützengräben. Denn drüben, 300 Meter weiter, begann der Iwan zu singen, in einer Weise, die sie in den Gottesdiensten der Orthodoxie vernehmen können. So herzanrührend, dass absolute Stille war unter den Deutschen, um den Russen zuzuhören. Mein Vater war kein Lyriker, aber er sagte: Die russische Seele ist eine Nachtigall. Und ich fragte ihn, darf man denn Nachtigallen vom Himmel schießen? Er war so hilflos, dass er sagte, das erkläre ich dir später. Ich erkläre es hiermit: Der ganze Krieg ist ein heller Wahnsinn und muss im Widerspruch zu allem stehen, was wir Menschlichkeit nennen. 

Deshalb kommt es nicht darauf an, ob die Herren von der Sicherheitskonferenz auf uns hören werden und ob wir in Bälde politisch Erfolg haben. Wir müssen keine Mehrheiten organisieren. Wir müssen keinen Durchbruch schaffen in neuen Parteiorganisationen. Das Wichtigste ist, dass wir uns selber beibehalten und das, was wir selber fühlen und denken und mögen können, durchsetzen, egal bei welchem Widerspruch. 

Dann hat der Satz von Reinhard Mey, den ich auf den Plakaten sehe, völlig recht. Meine Kinder gebe ich nicht. Nicht dafür, dass Ihr sie zur Soldateska erzieht. 

Und ich erlaube mir, es wiederzugeben mit den Worten von Hermann Hesse. Das war 1956. Mit Deutschland stand man gerade wieder stramm, weil Amerika das so wollte. Die Bundesrepublik West wurde überhaupt nur gegründet als Aufmarschbasis gegen Russland. Und da mussten wir halt mitmachen. Hermann Hesse wurde von einem seiner Leser gefragt, was er mit dem Roman „Demian“ hätte sagen wollen und er erklärte die Geschichte eines Heranwachsenden, der darum ringt, innerlich Halt zu finden. Hermann Hesses Antwort: Wenn Sie jetzt kommen und sagen, das ist ein Gewehr, das da drüben ist ein Pappkamerad, leg an, ziel genau. Das ist der Abzug. Beweg den Finger und du tust das, und du hast es gelernt. Dann bereite dich darauf vor, dass sie eines Tages kommen werden und sagen: Da drüben, das ist kein Pappkamerad. Das ist ein Russe. Leg an, ziel genau, zieh ab und du tust das. Dann kommt die Zeitung und wird sagen, ein tüchtiger Soldat hat das Recht verteidigt gegen den Gegner, den Angreifer. Immer ist der andere der Angreifer. Der Militärpfarrer wird kommen und sagen, er hat den Auftrag Gottes, gegen das Böse zu kämpfen, richtig und im Gewissen sauber vertreten und erkannt. Und der Kompaniechef wird sagen, da könnt ihr sehen, wie ich meine Soldaten zum Krieg zuverlässig trainiert habe. Aber ich kann auch sagen, du hörst auf dein eigenes Gewissen, das leise in dir spricht „Du sollst nicht töten“. Und du nimmst das Gewehr, zerbrichst es über deinem Knie. Dann kommt die Zeitung und wird sagen, da hat man ihn. Er hat einen Eid geschworen, Gehorsam zu leisten und bei der nächsten Gelegenheit bricht er ihn. Der Militärpfarrer wird kommen und sagen, er hat Gott nicht richtig verstanden. Und der Kompaniechef wird sagen, das ist einmal passiert und nicht ein zweites Mal. Jetzt wird dressiert, dass es keinen Widerstand mehr gibt. Du musst dich entscheiden, im Grunde für dich selber und für Gott oder für die Außenleitung und Lenkung der Entpersönlichung unter Befehl und Strammstehen. 

Wenn man das machen will mit ganz Deutschland, müssen wir in ganz Deutschland sagen, nicht zum zweiten Mal mit uns. Es muss ein Ende haben, die Kriegsertüchtigung und Kriegsvorbereitung. Und deshalb sage ich es mit einem Dichter, der 1946 im Krankenhaus lag, Wolfgang Borchert, in Erinnerung seines Einsatzes in Russland. Ich zitiere es beinahe wörtlich: Mutter in der Ukraine, Mutter in Deutschland. Wenn sie wiederkommen und dir sagen, du sollst Kinder gebären, Mädchen für die Spitäler, Jungen für die Schützengräben – Mutter in der Ukraine, Mutter in Russland, sag nein! Mann an der Werkbank, wenn sie wiederkommen und dir sagen, du sollst statt Wasserleitungen und Kochgeschirren, Handgranaten und Kanonenrohre ziehen – Mann an der Werkbank, sag nein! Mann im Labor, wenn sie wiederkommen und dir sagen, du sollst den neuen Tod erfinden für das alte Leben – Mann im Labor, sag nein! 

Und jetzt spreche ich als Theologe zu Theologen: Mann auf der Kanzel, wenn sie wiederkommen und dir sagen, du sollst die Waffen segnen und den Krieg rechtfertigen – Mann auf der Kanzel, sag nein! Denn wenn Ihr nicht Nein sagt, wird das alles schlimmer denn je wiederkommen. 

Ich danke Ihnen, dass Sie hier stehen zum Neinsagen, sich nicht zu beugen, zum Geradestehen für sich selber. Die ganze Botschaft, die wir vorbereiten für Ostern, ist diejenige, dass Jesus einzieht in Jerusalem und zitiert einen Propheten Sacharja, Kapitel neun, um genau zu sein, einreitend auf einem Esel: Kommt je ein Mann Gottes in diese Welt, ist seine erste Maßnahme abzurüsten, einseitig, die Burgen zerbrechen, die Kriegswagen verbrennen, keine Panzer mehr, keine Raketen mehr, einseitige Abrüstung und die Schockwelle wird gleich im Nachbarstaat Ephraim genau die gleiche Wirkung haben. Abrüstung für Abrüstung. Und Herr Merz, das wollen wir bei der Sicherheitskonferenz nicht mehr uns gefallen lassen: Mit Rüstung, mit Stärke, mit Kriegsvorbereitung kriegen wir am Ende zum Ergebnis den „Frieden“. Man erntet keine Trauben von den Disteln und macht aus Lügen keine Wahrheit. Danke schön für Ihre Aufmerksamkeit.

Die gesamte Rede kann hier noch einmal nachgehört werden:


Gegen Ende haben wir 2 Worte, die aus unserer Sicht Versprecher waren, geändert bzw. markiert:

Mann im Labor, wenn sie wiederkommen und dir sagen, du sollst den neuen Tod erfinden für das alte Leben – Mann im Labor (im gesprochenen Wort: Werkbank), sag nein! 

Mit Rüstung, mit Stärke, mit Kriegsvorbereitung kriegen wir am Ende zum Ergebnis den „Frieden“. Wir haben Frieden in Anführungszeichen gesetzt. Wir gehen davon aus, dass dieser Satz so formuliert wurde, als wäre man auf der Siko davon überzeugt, während er das Gegenteil bringt: Krieg.